Pharmafirmen und Technologiekonzerne rücken enger zusammen. Die einen brauchen neue Produkte, die anderen wittern das große Geld.
Chalapathi Neti hat einen ungewöhnlichen Job. Im Auftrag des IT-Konzerns IBM sucht der Wissenschaftler weltweit nach Partnerfirmen; allerdings nicht in der IT-Branche. Neti spricht bei Pharmakonzernen vor, um Chancen für gemeinsame Projekte auszuloten. Im Juli 2010 hat IBM und sein Team einen Deal mit dem Schweizer Medizin- und Diagnostikexperten Roche abgeschlossen. Die beiden Partner wollen einen neuen DNA-Sequenzer entwickeln - ein Gerät, mit dem es in Zukunft möglich sein soll, menschliches Erbgut schneller, einfacher und vor allem preiswerter zu entschlüsseln als bisher, so das Handelsblatt.
Weniger als tausend Euro soll es kosten, ein Genom - also die Gesamtheit der Informationen, die auf den DNA-Strängen einer Zelle aufgezeichnet sind - vollständig zu erfassen, so das Ziel von Roche und IBM. "Wenn uns das gelingt, haben wir den heiligen Gral der Medizintechnik gefunden", sagt Neti.
Teamwork bei der Entwicklung.
Die beiden Firmen sind nicht die einzigen, die den Schritt in eine so ungewöhnliche Kooperation gewagt haben. Unter den Herstellern für Medizintechnik, Laborgeräte und Messinstrumente ist ein regelrechter Hype ausgebrochen, eine neue Welle der Zusammenarbeit zwischen traditionellen Marktteilnehmern und neuen Spielern, die den lukrativen Gesundheitssektor für sich entdeckt haben.
Bayer testet derzeit in den USA und in Großbritannien ein Videospiel mit integriertem Blutzuckermessgerät, das so genannte Didget. Kooperationspartner ist der japanische Unterhaltungskonzern Nintendo.
Johnson & Johnson, der große US-Pharmazie- und Konsumgüterhersteller, programmierte mit Apple eine iPhone-Software für Diabetiker.
Novartis, der Schweizer Pharmariese, forscht mit dem Biotech-Experten Proteus an einer schlauen Pille, die ein Signal aussendet, sobald sie im Magen angekommen ist. Kosten des Projektes für Novartis: Rund 24 Mio. Dollar.
Für die Firmen der pharmazeutischen Industrie sind solche Kooperationen von existenzieller Bedeutung. Denn: Sinkende Umsätze in ihren Medizinsparten erfordern dringend neue Produkte. "In der Vergangenheit konnten sich die Unternehmen der Branche in der Regel auf wenige umsatzstarke Medikamente verlassen; so genannte Blockbuster", sagt Elia Napolitano, Leiter der Branchengruppe Pharma bei Ernst & Young.
"Das reicht heute nicht mehr aus", sagt der Experte. Denn die Hersteller könnten sich keineswegs mehr darauf verlassen, mit Blockbustern allein genügend Erträge zu erzielen. Zum einen werde der Kreis potentieller Patienten, die ein Medikament kauften, immer kleiner, weil neue Präparate auf immer speziellere Krankheitsbilder und damit auf eine immer kleinere Zielegruppe zugeschnitten werden müssten. Zum anderen seien Preiserhöhungen nicht mehr unbegrenzt möglich, da Regierungen in Europa und den Vereinigten Staaten die Branche immer strenger regulieren.
Und es gibt ein weiteres Problem, das die Manager nervös macht: Zwischen 2011 und 2015 laufen eine Reihe wichtiger Patente aus, die entsprechenden Pillen werden dann von Generika-Herstellern kopiert - und oftmals für einen Bruchteil des Preises verkauft.
Laut dem Pharmareport von Cowen and Company verlieren bereits im kommenden Jahr Medikamente ihren Patentschutz, die allein in den USA für einen Umsatz von rund 25 Mrd. Dollar sorgen.
Darunter ist der Blockbuster Lipitor von Pfizer, ein umsatzstarkes Cholesterin-Medikament. Sanofi-Aventis und Bristol-Myers Squibb müssen um die Erträge ihres Mittels Plavix fürchten, eines Medikamentes für Herzinfarkt- und Schlaganfallpatienten. Das US-Patent läuft im kommenden Jahr aus, das europäische im Jahr 2013.
Fieberhaft suchen die Unternehmen nun nach Wegen, um die Folgen dieser Entwicklung abzufedern. Einige sehen den Ausweg in der modernen Diagnostik. Doch um innovative Blutzuckermessgeräte, DNA-Sequenzierer und Krankenhaustechnik produzieren zu können, die auf dem Markt eine Chance hat, brauchen sie die Hilfe von Spezialisten. Die Technik ist inzwischen so weit fortgeschritten, dass die Firmen zunehmend auf professionelle Partner angewiesen sind.
Konzerne brauchen Partner.
"Wir können es uns gar nicht leisten, eigene Expertise etwa im Bereich Software aufzubauen", sagt Jon Achenbaum, Senior Vice President der Diabetes-Sparte von Bayer Healthcare. Gerade erst entwickelte sein Konzern gemeinsam mit dem indischen Softwarehersteller Wipro und dem japanischen Technologieriesen Panasonic einen USB-Stick mit integriertem Blutzuckermessgerät - den so genannten "Contour USB".
Mit dem Gerät können Diabetiker ihre Blutwerte messen, auf den Computer laden und anschließend statistisch auswerten oder an ihren Arzt weiterleiten. "Bei der Entwicklung profitierten wir von der Fachkenntnis unserer Kooperationspartner", sagt Achenbaum: "Doch unsere Kooperationspartner profitieren ebenfalls."
Tatsächlich gibt es für Elektronikhersteller und IT-Konzerne auf dem Markt für Medizintechnik viel Geld zu verdienen. Vor allem seit Regierungen auf der ganzen Welt milliardenschwere Programme aufgelegt haben, um ihr Gesundheitssystem zu modernisieren. So flossen allein in den USA aus dem Konjunkturpaket vom Februar 2009, dem American Recovery and Reinvestment Act, rund 160 Mrd. Dollar in den Gesundheitssektor.
"Das sind gewaltige Investitionen", sagt Chalapathy Neti von IBM. "Und wir wollen unseren Teil davon abbekommen."